Insanity

Hinweis: Ich wurde schon öfter darauf angesprochen, ob meine Geschichten, egal ob Kurzgeschichten oder Bücher, auf reelen Tatsachen beruhen. Meine Geschichten sind fiktiv. Sicherlich hat das eine oder andere Ereignis (Ideen können zum Beispiel aus den Nachrichten stammen) meine Gedanken in die jeweilige Richtung getrieben, trotzdem bleiben die Texte fiktiv – entstanden aus meiner Fantasie.

Insanity
„Die vergangene Nacht war die kälteste seit zehn Jahren. Dieser Winter wird als ein Jahrhunderttief in die Geschichte eingehen.
Aufgrund des klirrenden Frostes spielen sich vor unserer Tür einige Tragödien ab. Unser Reporter Tino Spät erlebt gerade ein solches Drama mit. Er fand einen vereisten PKW auf einem Autobahnparkplatz, indem ein nicht mehr ansprechbarer Mann hinter dem Steuer saß. Tino ist noch vor Ort, ich übergebe …“
„Ja, es ist tatsächlich so, dass der Wagen schon länger hier gestanden haben muss.
Ob der Fahrer erfroren ist, oder die Sache überstanden hat, kann ich noch nicht sagen. Der Rettungsdienst ist im Einsatz.
Wahrscheinlich, das vermutet die Polizei im Moment, ist dem Autofahrer einfach das Benzin ausgegangen.
Solche Tragödien spielen sich bei diesen Temperaturen fast überall ab. Ich empfehle den Zuschauern: Sollten Sie mit dem Auto unterwegs sein, achten Sie auf einen vollen Tank, nehmen Sie eine Thermoskanne mit heißem Tee für den Notfall mit, eine Decke und ein Handy mit vollem Akku.“

*
Halb verschlafen stieg ich aus meinem Auto, schlenderte zum Werktor. Hinter dem Durchgang, der die Stadt von dem riesigen Werksgelände trennt, hatte jemand einen Aufsteller postiert auf dem der Hinweis „Heute ab sieben Uhr – Außerordentliche Betriebsversammlung“ zu lesen war.
Was wird es wohl Neues geben? In einer Stunde weiß ich mehr. Es gibt schon seit Wochen Gerüchte, die nichts Gutes nach den zwei Jahren Kurzarbeit vermuten lassen. Trotzdem hofft die Mehrheit der Belegschaft auf ein glückliches Ende der Durststrecke.
In der jüngsten Vergangenheit organisierte der Betriebsrat in Zusammenarbeit mit der Gewerkschaft Veranstaltungen, die auf die Situation des Werkes, das größte noch vorhandene Industriegelände in der Stadt, aufmerksam machen sollten. Meiner Meinung nach ist das gut gemeint, aber was sollen Außenstehende tun? Was soll der Bürgermeister, auf den in diesen Tagen viele Menschen schimpfen, roten Zahlen, die so hoch sind, dass einem schwindlig wird, entgegen setzen?
Das Einzige, was mich im Moment noch an dieser Arbeitsstelle hält, ist die Tatsache: Seit zwanzig Jahren gehe ich hier Ein und Aus. Es kann doch nicht einfach so vorbei sein!

Sieben Uhr: Aus allen Winkeln der Firma kommen die Mitarbeiter hervor und strömen in das Hallenteil, in dem immer die Betriebsversammlungen abgehalten werden.
Mir fallen seitlich aufgestellte Tische auf, die gab es sonst nie bei solchen Veranstaltungen. Im Hintergrund tauchen plötzlich Leute von einem privaten Securitydienst auf.
„Das ist das Ende“, schießt es durch meinen Kopf. „Security, da rechnet man mit einigen Auseinandersetzungen…“
Die Konzernleitung gab die Insolvenzmeldung bekannt. Laute und wütende Zwischenrufe wurden in den Raum geschleudert, die aber die Tatsache nicht besser machten. Die Rede gipfelte in der Aussage: „Wir müssen sofort Leute entlassen. Nicht wenige. Von den derzeit eintausendeinhundert Mitarbeitern werden uns heute neunhundert verlassen …“ Jetzt war nichts mehr zu verstehen. Zwischenrufe in Lautstärken, die einem die Ohren klirren ließen, vernebelten die nächsten Sätze. Irgendwie bekam ich dann mit, wir sollten uns, dem Anfangsbuchstaben unseres Nachnamens folgend, an dem jeweiligen Tisch anstellen, um einen Umschlag in Empfang zu nehmen. Darin würde dann stehen, wie es mit dem Einzelnen weiter geht.
Ich wagte es nicht, in den Umschlag zu schauen. Um mich herum: Enttäuschte Gesichter, manche hatten ihren Brief fallen lassen, andere starrten versteinert auf des Papier. Ich ging zurück in meine Abteilung, noch immer nicht wissend, welches Urteil ich in der Hand hielt.
Als ich ankam: rege Diskussionen in kleinen Grüppchen. Dann nahmen einige wortlos ihre Taschen und verschwanden. Mit der Zeit wurde es gespenstisch still in den Werkhallen.
„Was ist mit dir? Bleibst du mit uns hier, um die Restaufträge abzuarbeiten?“
„Ich weiß es noch nicht“, stammelte ich und öffnete nun doch den Umschlag. Ich hatte Glück, mir blieb die Galgenfrist der Restaufträge.

*
Wieder hatte ich Streit mit meiner Frau. Seitdem ich in die neue Firma wechselte, gibt es öfter Auseinandersetzungen. Nun muss ich täglich fünfzig Kilometer zur Arbeit fahren, also beide Strecken einhundert Kilometer. Da bleibt viel Zeit auf der Straße. Hinzu kommt, kein Arbeitgeber der Region zahlt in solchem Maße, wie wir es früher gewohnt waren.
Genauso erklären sich die Streitereien: Geld und Zeit für einander.
„Such dir eine Arbeit in der Stadt!“
„Du weißt genau, wie oft ich dies schon versuchte. Es ist nun mal so, dass der Bankrott meines alten Arbeitgebers die ganze Region verwaisen lässt. Es gibt keine Arbeit mehr. Andere Firmen, die für das Werk arbeiteten, meldeten Insolvenz an, oder mussten Leute entlassen.
Die vernünftigste Variante wäre, wir würden in eine andere Stadt gehen. Hier gibt es keine Zukunft.“
„Ich gehe hier nicht weg.“
„Dann beklag dich nicht über die derzeitige Lösung.“

*
Es ist nicht leicht. Meine derzeitige Lebenssituation trieb mich zurück an den Ort, in dem ich aufwuchs.
Ich suche Einsamkeit, möchte allein sein. Niemanden hören, niemanden sehen, keine fremden Geräusche. Die eigenen vier Wände sind zu Erinnerungsgeschwängert, die Decke fiel mir auf den Kopf.
Es ist erst drei Monate her, seit mich meine Frau verließ. Sie hatte einen anderen Mann gefunden, bei dem es ihr, so meinte sie, besser geht. Das allerdings bezweifelt ihr gesamtes Umfeld. Ihre beste Freundin, ihre Mutter, alle waren vor den Kopf gestoßen.
Für mich, es klingt wie ein Klischee, aber so ist es wirklich, nach zehn Jahren Ehe zerbrach mein Leben.
Ich versuche, mich selbst an den Haaren aus dem Sumpf zu ziehen. So ähnlich wie es Baron Münchhausen tat. Ich suchte mir eine neue Arbeitsstelle in einer anderen, einer fremden Stadt. Weit genug, um zu vergessen. Jetzt stehe ich kurz vor dem Umzug in meine neue Heimat.
Grund genug, die siebzehn Kilometer mit dem Auto zu überbrücken und in das Dorf meiner Kindheit zu fahren.
Das Elternhaus steht zwar noch, ist allerdings verwaist. Der Zahn der Zeit ließ es hinter wucherndem Wein und Gebüsch verschwinden. Bei genauerem Hinsehen: Das Haus war zum Teil eingefallen, das Dach eingebrochen. Doch noch immer zeigte sich der Giebel stolz den Dorfbewohnern.
Meine Schritte lenkten mich, unbewusst wie mir erst später auffiel, hinter das Grundstück, auf die Wege meiner Kindheit.
Hier endet das Dorf. Es folgt eine Gabelung der Straße, von der jener Weg zwischen den Wiesen verschwindet, auf dem ich lernte, Rad zu fahren.
Ich lief weiter den Weg entlang, den die saftigen Grünflächen säumen, auf dem früher die Rinder der LPG weideten, auf dem Weg in den Wald. Dort wo nur die Natur herrscht, einem keine Menschenseele begegnet, die nächsten Ortschaften eine Ewigkeit entfernt sind.

*
Der Arbeitsvertrag der neuen Arbeitsstelle war auf ein Jahr befristet. Es war ein Risiko, ich glaubte, den Vertrag verlängern zu können. Allerdings mussten Stellen abgebaut werden, sodass keine Rede von Vertragsverlängerungen sein konnte.
Nun bin ich allein. Einsam. In einer Stadt, die noch immer fremd für mich ist. Ich gebe zu: Zeitweise denke ich an Selbstmord. Wer braucht schon einen Außenseiter?
Seit Tagen habe ich nicht mehr richtig geschlafen, bin todmüde. Schwarze Gedanken beherrschen mich. Was soll ich noch hier? Gibt es einen Ausweg – wieder einmal?
Der Winter ist hart, unerträglich streng. Schlimmer als in den letzten Jahren. Die Wohnung ist kalt, die Heizkosten schnellen in die Höhe.
Ich setze mich in meinen alten Volvo, die einzige Verbindung zu einer längst zurückliegenden glücklichen Zeit. Ich starte den Wagen, fahre auf die nahe liegende Autobahn.
Immer geradeaus, bis das Benzin alle ist. Die letzten Tropfen bringen mich auf einen verlassen wirkenden Parkplatz. Das Fahrzeug geht aus, verstummt. Auch mein treuester Gefährte ist am Ende.
Ich bleibe sitzen, mache es mir auf dem Fahrersitz bequem, schließe die Augen und schlafe endlich ein.

*
Plötzlich sind irgendwelche Menschen um mich herum.
Lasst mich schlafen!
Ich weiß nicht, wo ich bin. Es ist warm. Jemand versucht, mir ein heißes Getränk einzuflößen. Der Schlaf kehrt zurück.