Ein ganz anderer Fall

Vorwort zur Geschichte: „Ein ganz anderer Fall“ entstand eigentlich aus einem Schreibexperiment. Die Frage war, lohnt es sich, einen Kommissar in einem kleinen Dorf auf dem Lande anzusiedeln? Ich kam zu dem Schluss: Das passt nicht mehr in unsere Zeit, obwohl die Geschichte als solches ausbaufähig wäre …

Ein ganz anderer Fall
Kriminalkommissar Frank Martin war im Nachbarort beschäftigt, als ihn der Ruf erreichte. „Gut“, sagte er am Telefon. „Ich fahre gleich hinüber. Sind nur drei Kilometer von hier. Was wird aus dem seltsamen Fall der gestohlenen Hühner, woran ich im Moment arbeite?“
Insgeheim hoffte der Kommissar eine neue Aufgabe zugeteilt zu bekommen. Auf der Suche nach Hühnern! Das ist wie in einer Fabel: Wo ist Reinecke Fuchs?
„Das Geschehen im Nachbarort ist wichtiger? Sachbeschädigung, aha. Ja. Ich mache mich sofort auf den Weg.“
Sachbeschädigung, klingt jedenfalls interessanter als gestohlene Hühner. Martin klappte sein Handy zu, sah hinüber zu dem Stall, aus dem die Hühner entwendet worden waren. Er seufzte, drehte sich um und schritt die schmale Einfahrt hinab zu seinem Wagen.
„Hey, was ist mit meinen Hühnern?“
„Tut mir leid, Herr Sommer. Ich muss mich zunächst um eine andere Gelegenheit kümmern. In Kürze wird sich jemand um Ihr verschwundenes Gut bemühen.“
Mit diesen Worten startete er seinen schwarzen Audi, legte den Gang ein und fuhr davon. Verblüfft und sprachlos sah ihm Herr Sommer nach. Was sollte man davon halten?
*
Einige Minuten später bog der schwarze Audi in ein ehemaliges Firmengelände ein. Da dieses Werk schon seit langem nicht mehr produzierte, nutzten die Einwohner des kleinen Dorfes die freien Flächen um die leerstehenden Fabrikhallen als Parkplatz.
Vor einem Mercedes – Lastzug hielt Martin. Sein Kollege Olaf Krüger war schon da und hatte für Absperrungen gesorgt. Niemand sollte das Fahrzeug berühren, bevor Kommissar Martin am Ort des Geschehens ist.
„Hallo Krüger. Sind die Spezialisten der Spurensicherung schon benachrichtigt?“
„Sollten jeden Moment eintreffen“
Martin betrachtete den LKW. Der Originallack ist genauso schmutziggrau wie die Fabrikwand, vor der das Gefährt geparkt war. Noch eine Gemeinsamkeit hatte das Fahrzeug mit dem Haus, wenn auch erst seit letzter Nacht: Zerbrochene Fensterscheiben.
Irgendjemandem hatte der schwere LKW wohl nicht gefallen. Die Frontscheibe war zerstört, die Plane des Aufliegers zerschnitten, das Fahrzeug rundum beschmiert. „Raus aus unserer Gemeinde“ war überall zu lesen.
„Wer hat uns gerufen? Wer entdeckte diese …“ Martin fand kein passendes Wort. Krüger deutete auf eine Gestalt, die zusammengesunken auf dem Rand einer Bordsteinkante saß. „Der Besitzer des Fahrzeugs.“
Der Kommissar setzte sich neben den hageren Mann, sagte nichts. Zusammen starrten sie den LKW an. Nach einiger Zeit des Schweigens fragte Martin leise: „Wer macht so etwas? Wer war das?“
„Das ist völlig egal. Ich bin ruiniert. Raus aus der Gemeinde – das haben sie jetzt geschafft! Mein Haus werde ich nun verlieren, es ist als Bürgschaft für das Fuhrgeschäft hinterlegt!
Vor kurzem hatte mich dieser Fernfahrerstreik einiges gekostet. Nicht weil mein Fahrer mitstreikte, sondern weil die anderen Fahrer, die riesigen Speditionen angehören, die Straßen blockierten. Keiner kam mehr durch, einige Kleinunternehmer mussten aufgeben. Ich kam gerade so davon. Und nun das!“
Wieder schwiegen sie auf dem Bordstein. Inzwischen wiebelte und wabelte es um den LKW wie in einem Ameisenhaufen. Die Kollegen der Spurensicherung nahmen Fingerabdrücke, fanden Fußspuren, kratzten Proben von den Schmierereien.
„Wo wohnen Sie?“
Der Unternehmer zeigte unbestimmt in Richtung Dorf. „Ich bringe Sie nach Hause“, sagte der Kommissar, klopfte dem dürren Mann auf das Knie und erhob sich. Dann wanderten die Zwei davon. Krüger sah ihnen kopfschüttelnd nach.
*
Am Abend traf sich Kriminalkommissar Frank Martin mit seinem Kollegen Olaf Krüger im Gasthof Zum Schwan in der Dorfmitte.
Während die Beamten Neuigkeiten austauschten, besah sich Martin die gerahmten Fotos, die an der Wand neben dem Tresen aufgehängt worden waren. Diese Bilder erzählten von einer anderen Zeit, einer Zeit, in der noch nicht die Dörfer ausstarben, als es eine funktionierende Infrastruktur in jedem einzelnen der kleinen Orte gab. Damals bevölkerten noch junge Menschen die Gemeinden, heute fliehen sie, da es keine Lebensalternativen mehr gibt. Selbst das Gasthaus schien langsam zu verwaisen. Es konnte sich einfach niemand mehr leisten, täglich ins Wirtshaus zu gehen.
„Es ist ein seltsames Dorf“, sagte Martin und bestellte Bier.
Der Wirt knallte die Gläser auf den Tisch, so dass die Kriminalbeamten zusammenzuckten.
„Ich denke, wir werden keinen reellen Täter finden.“ Krüger glotzte Martin an. „Wie meinst du das?“
„Es ist nicht ein einzelner Mensch gewesen, im Prinzip ist das ganze Dorf schuld. Auch wenn es zwei oder drei ausführende Leute gab.“
Schweigen. Nach einigen Schlücken des frisch gezapften Bieres fragte Krüger: „Aber wieso?“
„Es wäre zu einfach, von Neid und anderen Gefühlen zu reden. Trotzdem trifft genau das den Nagel auf den Kopf.
Sehen wir uns um: In dieser Gemeinde ist seit dem Zusammenbruch dieser Firma im oberen Dorf die Arbeitslosenquote auf über neunzig Prozent gestiegen. Das wiederum lag nicht nur an diesem Werk. Sondern daran, dass die Aufgabe dieser Produktionsfläche auch sämtliche anderen Geschäfte und Betriebe zerstörte. Der Schmied musste seine Hämmer ruhen lassen: Er war einer der Zulieferer. Der Elektriker musste aufgeben. Sein größter Auftrag war die Instandsetzung des Maschinenparks.“
Plötzlich baute sich der Wirt neben ihnen auf, fragte mürrisch: „Wollen Sie etwas essen?“
„Ja, warum nicht“, antwortete Krüger.
Martins Gedankengang wurde durch das plötzliche Auftauchen des Wirtes bereichert: „Wie ist es um Ihr Gasthaus bestellt? Laufen die Geschäfte noch immer wie früher?“
Der breite Mann, er hatte ein Kreuz, als sei er früher einmal Leistungsschwimmer gewesen, brummte: „Die Arbeiter der Fabrik kamen früher jeden Tag hierher um eine Kleinigkeit zu Mittag zu essen. Muss ich mehr sagen?“
„Siehst du?“ Martin sah Krüger über den Rand seines Bierglases hinweg an und dozierte weiter: „Die Jugend wandert ab. Sie finden anderswo Arbeit. Es ist keine Seltenheit, dass manche fünfzig Kilometer und mehr zurücklegen, nur um arbeiten zu können. Das funktioniert so lange, bis sie ganz weggehen. Die Folge: Das Dorf vergreist und irgendwann ist es ein Geisterort.
Und dann gibt es in dieser Einöde eine Oase: Ein einziger Unternehmer, dessen Geschäft zumindest äußerlich funktioniert. Er fährt mit zwei schweren Lastwagen quer durch ganz Europa und es ist ihm egal, wie es um seinen Heimatort bestellt ist. Irgendwann musste so etwas geschehen …“
„Hmm“, brummte Krüger. „Das mag alles sein, aber was machen wir jetzt?“
„Wir müssen den oder die Täter finden. Das ist unser Job. Was ich eben erzählte, ist meine private Meinung.“