„Der Fall Kallmann“ – Hakan Nesser

Klappentext: Wer war Eugen Kallmann? Warum musste der beliebte Gesamtschullehrer in der beschaulichen schwedischen Kleinstadt sterben? Wirklich nur ein Unglücksfall, wie die Polizei behauptet? Als sein Nachfolger im Schwedischunterricht, Leon Berger, nach der langen Sommerpause seinen Dienst antritt, findet er im Pult unter Kallmanns Sachen eine Reihe von Tagebüchern, die sich als eine Mischung aus Dichtung und Wahrheit entpuppen und ihn schon bald daran zweifeln lassen, dass sein Vorgänger tatsächlich eines natürlichen Todes gestorben ist. Denn in seinen Einträgen behauptet Kallmann unter anderem, er würde die Gabe besitzen, in den Augen anderer Menschen erkennen zu können, ob sie gemordet haben. Und er scheint in den letzten Monaten seines Lebens einem nie entdeckten und nie gesühnten Verbrechen auf der Spur gewesen zu sein. Leon Berger will den Fall Kallmann lösen – seine privaten Ermittlungen setzen etwas in Gang, das schließlich die ganze Kleinstadt erschüttert.

Mein Eindruck: Der Roman ist etwas besonderes. Aus verschiedenen Gesichtspunkten (Lehrer/ Schüler/ Kleinstadtbewohner) wird das Leben und der tragische Tod des Lehrers Kallmann beleuchtet. Das der in seiner Freizeit versuchte, alte Kriminalfälle und verschiedene Lebensumstände im Ort zu analysieren, gibt genügend Spielraum für Spekulationen jeglicher Art.
Der Roman setzt sich aus Tagebucheinträgen verschiedenster Akteure zusammen. Dadurch bekommt der Leser das Leben in einer schwedischen Kleinstadt aus verschiedensten Blickwinkeln aufgezeigt. Das macht das Buch für mich wirklich interessant.
Der Aufbau erinnert mich an gewisse Schreibübungen, die dabei helfen, Charaktere zu entwickeln.
Dabei ist es völlig egal, ob der Roman in Schweden oder sonst wo spielt. Es ist ein Gesellschaftsroman, kein Krimi. Nesser seziert literarisch das Verhalten der Menschen unter bestimmten Vorraussetzungen. Wir kennen dies auch aus dem Alltag: Voyeurismus in Verbindung mit einem Unglück (z.B. Autounfälle – auf demselben Prinzip bauen viele Sendungen des Privatfernsehens auf).

ISBN: 978 3 442 75728 2
Verlag: btb
aus dem Schwedischen von Paul Berf

„The Man in the High Castle“ – Philip K. Dick

Das Orakel vom Berge
Klappentext: Was, wenn Hitler den Krieg gewonnen hätte? Diese Frage machte Philip K. Dick zum Ausgangspunkt seines waghalsigsten und berühmtesten Romans.
Amerika 1962: Das Land ist geteilt – die Westküste japanisch, der Osten deutsch. Nur in den Rockies gibt es eine neutrale Zone. Dort sucht die junge Judolehrerin Juliana einen mysteriösen Autor, der den Widerstand entfachen könnte. Nur er scheint zu wissen, wie man dem Albtraum der falschen Geschichte entkommt.

Mein Eindruck: Man sollte den Roman unter den Gesichtspunken seiner Zeit lesen. Damals herrschte die Faust des kalten Krieges. Durch Europa zog sich der eiserne Vorhang und teilte die Welt in Ost und West mit ihren jeweiligen Systemen.
Philip K. Dick dreht in diesem Roman den Spieß um. Er geht von der haasträubenden Tatsache aus, dass Deutschland den Krieg gewonnen hat und Japan siegreich aus dem Pazifikkrieg (–> wikipedia) hervor ging. Die Welt wurde zwischen den deutschen und den japanischen Besatzungsmächten aufgeteilt. Durch Amerika zieht sich nun eine Grenze.
Das Auftreten verschiedener Figuren auf beiden Seiten zeigt auf, wie sich das Leben weiterentwickelt. Es zeigt aber auch die Schwierigkeiten, die der neue Alltag mit sich bringt. Philip K. Dick spricht von einem zerbombten Amerika nach Kriegsende, von neu aufgebauten Städten und Stadtvierteln, in denen nun einerseits japanische oder japanischstämmige Leute leben, andererseits deutsch oder deutschstämmige Menschen.
Auch die technische Seite entwickelt er weiter. So gibt es zum Beispiel so genannte Raketenflugzeuge, die Strecken zwischen Deutschland und der USA in kürzester Zeit überbrücken können (erinnert mich irgendwie an Hans Dominik).
In Dicks Vision gibt es ein Buch, dass auf der deutsch kontrollierten Seite verboten ist. In diesem Pamphet geht es darum, was geschehen wäre, hätte Hitler den Krieg verloren.

Fazit: Philip K. Dick ist immer lesenswert. Seine Ideen bereichern bis heute die Fantasien der Menschen. Dieses Buch ist, denke ich, eines seiner wichtigsten Werke. Er beschäftigt sich nicht nur mit einer was-wäre-wenn – Situation, sondern seziert so ganz nebenbei die Politik der 1950/ 1960er.

ISBN: 978 3 596 29841 9
Verlag: Fischer
aus dem Amerikanischen von Norbert Stöbe

„Der Mann, der nicht mitspielt“ – Christof Weigold

Hollywood in den Roaring Twenties: ein wahres Sündenbabel zur Zeit der Stummfilme und der Prohibition. Rätselhafte Todesfälle erschüttern die Stadt. Mittendrin: ein deutscher Privatdetektiv. Christof Weigolds mitreißend spannender Detektivroman »Der Mann, der nicht mitspielt« ist der Start einer Reihe, die auf den größten Skandalen und ungeklärten Mordfällen des frühen Hollywood basiert.
Privatdetektiv Hardy Engel, ein gescheiterter deutscher Schauspieler, wird von der schönen Pepper Murphy beauftragt, das verschwundene Starlet Virginia Rappe zu finden. Kurz darauf stirbt Virginia unter mysteriösen Umständen, nachdem sie eine Party des beliebten Komikers Roscoe »Fatty« Arbuckle besucht hat. Dieser wird beschuldigt, sie brutal vergewaltigt und tödlich verletzt zu haben. Angefacht von den Boulevardzeitungen des Hearst-Konzerns entwickelt sich der Fall zum größten Skandal der Stummfilmzeit, der ganz Hollywood in den Abgrund zu ziehen droht.
Hardy Engel ermittelt in zwei rivalisierenden Filmstudios und in der Kolonie der Deutschen rund um Universal-Gründer Carl Laemmle. Unterstützt wird er von seinem Lieblings-Bootlegger Buck Carpenter, der ihn mit Insiderinfos und Whisky versorgt, und Pepper, in die er sich Hals über Kopf verliebt, obwohl sie etwas zu verbergen scheint. Als Hardy Engel schließlich die Wahrheit herausfindet, die allzu viele Leute vertuschen wollen, ist nicht nur sein Leben in Gefahr…
(Inhaltsangabe: amazon.de)

Mein Eindruck: Der Autor greift einen spektakulären Fall aus der Stummfilmzeit auf. Der Skandal um Roscoe Conkling „Fatty“ Arbuckle sorgte seinerzeit für Aufregung und zwang die Hollywoodstudios zur Förderung moralischer Standards in der Filmindustrie (–>wikipedia).
An diesen Fall setzt Weigold seinen Privatdetektiv Hardy Engel, ein gescheiterter deutscher Schauspieler.
Eine interessante Story, die hinter die Kulissen einer längst vergangenen Zeit blicken lässt.
Die Hauptfigur, der Detektiv Hardy Engel erinnert an Philip Marlow oder Mike Hammer. Ein hartgesottener Typ, immer lockere Sprüche auf den Lippen. – Gefällt mir. Wo findet man heute noch Krimis in diesem Stil?

ISBN: 978 3 46205 103 2
Verlag: Kiepenheuer & Witsch

„Teilansicht der Nacht“ – Luiz Ruffato

3. Band des Romanzyklus „Vorläufige Hölle“
Der »Fortschritt« – Schlagwort der technokratischen Siebzigerjahre, in Brasilien Parole der Militärdiktatur – kommt bis nach Cataguases: Anstatt in gemieteten Verschlägen am Flussufer auf das nächste unweigerliche Hochwasser zu warten, baut, wer es sich leisten kann, im Stadtteil »Paraíso« am Stadtrand, wo gestern noch magere Kühe zwischen Termitenhügeln an trockenem Gras kauten, bescheidene Häuser aus Backstein, vier Zimmer, Wasserhahn in der Küche, Fernseher. Den Kindern soll es einmal besser gehen.

Ein Zirkus kommt in die Stadt. Karneval, Weihnachtsgeld, Fußball und ein hellblauer VW-Bus sorgen für Aufregung. Man staunt über emanzipierte Frauen, die aufsässige Jugend, sich lockernde Sitten, einen Mord und eine Radiosendung, in der die Deutschen angreifen.

Luiz Ruffatos fünfbändiges Romanprojekt »Vorläufige Hölle« ist ein historisches Porträt Brasiliens auf dem Weg von der Agrargesellschaft in das postindustrielle Zeitalter aus der Perspektive der arbeitenden, gewöhnlichen Menschen. Sein »kollektiver Roman« wechselt Perspektiven und Erzählzeiten, gehorcht eher der subjektiven Ordnung des mündlichen Erzählens und Erinnerns als einer strengen Chronologie und vermengt Geschehenes mit Gehörtem zu sprachlich faszinierenden Collagen.

Auch im dritten Band des Romanwerks, der auf dem Hintergrund der 1970er Jahre zwischen Militärdiktatur, Pop und vermeintlichem Fortschritt im brasilianischen Hinterland spielt, vermischen sich Fiktion und Erinnerung, staunende Kinderaugen und das Delirium Sterbender zu einem kraftvollen Tableau all der unspektakulären Leben, die eine Gesellschaft ausmachen.
(Inhalt: Verlagswebseite)

Mein Eindruck: Auch diesmal ähnelt der Aufbau und Schreibstil dem der beiden Vorromane.
Faszinierend finde ich die detailgetreue Beschreibung des Lebens der einfachen Menschen. Die Suche nach einer Arbeit, die Sorge, die Raten für das eben gebaute Haus – in dem es keinen Strom, kein Wasser gibt – nicht mehr aufbringen zu können, Naturkatastrophen, Überschwemmungen, plötzlich vor dem Nichts stehen – all das beschreibt Ruffato bildhaft, präzise, poetisch.

„Teilansicht der Nacht“ kann einzeln gelesen werden. Ich empfehle, den Zyklus „Vorläufige Hölle“ der Reihe nach zu lesen. Dadurch vervollständigt sich das Bild, man bekommt ein Panorama vor Augen.

ISBN: 978 3 86241 434 5
Verlag: Assoziation A
aus dem Portugiesischen von Michael Kegler

„Vorläufige Hölle“
1. Band: „Mama, es geht mir gut“
erschienen 2013
2. Band: „Feindliche Welt“
erschienen 2014
3. Band: „Teilansicht der Nacht“
erschienen 2017
4. Band: noch nicht erschienen
5. Band: noch nicht erschienen

„Feindliche Welt“ – Luiz Ruffato

2. Band des Romanzyklus „Vorläufige Hölle“
Der alte Zé Pinto weigert sich, zu sterben. Während er sich im Dämmerlicht billiger Videofilme hartnäckig ans Leben klammert, wartet der Neffe darauf, endlich dessen Lebenswerk, die »Gasse«, eine Ansammlung von Armenbehausungen, abreißen zu können. Alles zerfällt. Aus São Paulo kommen die Jungen zurück, stolz die einen im VW-Käfer, der Wohlstand vorgaukelt, zumeist gescheitert die anderen. Auf der Suche nach dem, was geblieben ist von der Familie, die »alles (war), was wir nicht hatten«.

Zé Pintos Gasse, eines der Armenviertel der Textilindustriestadt Cataguases im Landesinneren Brasiliens, ist Dreh- und Angelpunkt dieses zweiten Teils des Romanzyklus »Vorläufige Hölle«. Sie ist Zwischenstation und vorübergehende Heimat derjenigen, die aus dem kargen, archaischen Leben auf dem Land in das Elend der Städte ziehen. Wohnstätte der Dienstboten und Industriearbeiter, Ausgangspunkt der nächsten Migration. Ziel der vergeblichen Rückkehr. Wie schon »Mama, es geht mir gut« ist auch dieser Roman ein sorgsam zerrissenes Gewebe aus Geschichten und Gedanken, aus Vergangenem und schüchternen Ausblicken in die Zukunft. Die Erzählstränge sind ineinander verwoben, manchmal begegnen sie sich, manchmal laufen sie nebeneinander her.

Mit geradezu körperlicher Empathie stellt Luiz Ruffatos Projekt einer Geschichte des brasilianischen Proletariats Individuen in den Vordergrund, die umgeben von einer großen und feindlichen Welt im Sog der Geschichte zu überleben versuchen.
(Inhalt: Verlagswebseite)

Mein Eindruck: Genauso wie im ersten Teil der Romanreihe „Mama, es geht mir gut“ muss sich der Leser auf Zeitsprünge, auf Sprünge in der Erzählweise einlassen.
Der Roman, ein bunter Flickenteppich aus Gedanken, Kurzgeschichten, Szenen, Episoden liest sich stellenweise wie ein Notiz- oder Tagebuch.
Trotzdem zieht das Buch den Leser in seinen Bann. Hautnah erlebt man mit, wie die Zeit die Armenbevölkerung einholt, ganze „Wohngassen“ dem Wohlstand weichen müssen.
Die Modernität überholt alte Lebensgewohnheiten wie sie der erste Band beschreibt. Und doch bleibt die Armut, wird sogar noch schärfer …

ISBN: 978 3 86241 430 7
Verlag: Assoziation A
aus dem Portugiesischen von Michael Kegler

„Vorläufige Hölle“
1. Band: „Mama, es geht mir gut“
erschienen 2013
2. Band: „Feindliche Welt“
erschienen 2014
3. Band: „Teilansicht der Nacht“
erschienen 2017
4. Band: noch nicht erschienen
5. Band: noch nicht erschienen

„Mama, es geht mir gut“ – Luiz Ruffato

1. Band des Romanzyklus „Vorläufige Hölle“
Ein brutaler Familienpatriarch, der mit Axthieben und Brandrodung das Land urbar macht und seine junge Frau »an die Nabelschnur endloser Schwangerschaft« fesselt. Eine unter Schmerzen sterbende Frau. Ein Sohn, der in einem Dialog mit seiner Mutter die Vergangenheit Revue passieren lässt. Ein Mann, der sich eines Verbrechens schuldig fühlt, das er vielleicht gar nicht begangen hat. Ein verschwundener Ehemann. Ein Lehrer, der ein schreckliches Geheimnis hütet. Schonungslos beschreibt Luiz Ruffato die Härte, die Entbehrungen und die Grausamkeit des Landlebens, das die Welt italienischer Einwandererfamilien im Hinterland der Berge von Minas Gerais in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts prägt.

Es ist diese Enge und Bedrängtheit des Lebens, der die heranwachsenden Jugendlichen zu entfliehen suchen. Sie machen sich auf in ein vermeintlich besseres Leben, in die nächste Kleinstadt, dann nach Rio oder São Paulo. Den erdverbundenen Werten der Alten, die in einem Tal hinter der Staubstraße eine Heimat gefunden haben, steht die Faszination der Jungen für die Lichter des Fortschritts gegenüber. Die Träume sind bescheiden, Worte werden nur wenige gewechselt, die weite Welt reicht zunächst nur bis zur nächstgrößeren Ansiedlung.

Das Buch bildet den Auftakt des Romanzyklus »Vorläufige Hölle«, mit dem Ruffato den Armen, den einfachen Leuten, den Migranten eine Stimme verleiht. Er hebt sie aus ihrer literarischen Vergessenheit und lässt so die Geschichte des brasilianischen Proletariats wiederauferstehen. Innere Monologe wechseln mit poetischen Passagen, mit Szenen von dramatischer Intensität. Unprätentiös, frei von Sozialromantik und auf höchstem literarischen Niveau. Ruffatos Saga des proletarischen Brasilien ist nüchtern, schmerzhaft und kompromisslos.

Die Übersetzung wurde von litprom – Gesellschaft zur Förderung der Literatur aus Afrika, Asien und Lateinamerika e.V. sowie dem brasilianischen Kulturministerium gefördert.
(Inhalt: Verlagswebseite)

Mein Eindruck: Der Roman lässt mich einigermaßen ratlos zurück. Nicht, was den Inhalt betrifft. Es ist der Stil, der mich verblüfft. Mal gibt es eingeschobene Szenen, die Kursiv gedruckt, dann wieder Szenen, die fett gedruckt sind. In beiden Varianten wird in der Zeit oder die erzählende Sichtweise gewechselt, gesprungen. Es gibt Sätze, die nicht enden, nur andeuten.
Trotzdem ist der Inhalt zu erfassen, nicht so leicht, manchmal stellt sich die Frage, wer gerade spricht. Es ist, als müsste man sich beim Lesen detektivisch beweisen, ähnlich wie bei Gabriel Garcia Marquez.
Gerade deshalb öffnet sich der Blick auf die Lebensweise der armen Bevölkerung Brasiliens.

Wer sich diesem Roman (-zyklus) öffnet, findet eine Welt vor, für uns völlig fremd, kaum vorstellbar. – Unbedingte Leseempfehlung!

ISBN: 978 3 862 41421 5
Verlag: Assoziation A
aus dem Portugiesischen von Michael Kegler

„Vorläufige Hölle“
1. Band: „Mama, es geht mir gut“
erschienen 2013
2. Band: „Feindliche Welt“
erschienen 2014
3. Band: „Teilansicht der Nacht“
erschienen 2017
4. Band: noch nicht erschienen
5. Band: noch nicht erschienen

„Blade Runner“ – Philip K. Dick

„Träumen Androiden von elektrischen Schafen?“ – diese Frage stellte sich Philip K. Dick im Titel seines 1968 erschienen Romans. Ridley Scott hat daraus den Film „Blade Runner“ gemacht, der 1982 in die Kinos kam. Roman wie Film erzählen die Geschichte des Kopfgeldjägers Rick Deckard, der Jagd auf künstliche Menschen macht.
Im Buch geht es allerdings um weit mehr: Auf einer von einem Atomkrieg verseuchten Welt sind künstliche Tiere zu Statussymbolen geworden, eine „Mercertum“ genannte Fernsehreligion treibt ihr Unwesen und sogenannte „Stimmungsorgeln“ manipulieren die Gefühle der Menschen. Und nicht nur Androiden werden auf Empathie getestet …
(Quelle: Schutzumschlag)

Philip K. Dick zeichnet ein düsteres Zeitalter. In der Zeit, als Dick diesen Roman verfasste, stand die Welt nicht nur einmal vor einer Atomkatastrophe, so dass seine Vision eines Atomkrieges nicht so weit hergeholt war.
Immer wieder gibt es auf der Erde „schwarze Wolken“, die radioaktiven Niederschlag verursachen. Die Menschheit ist auf andere Planeten geflohen, nur wenige sind geblieben. Einige wurden als „Speciale“ klassifiziert. Das sind Menschen, deren Erbgut durch den radioaktiven Fallout zerstört wurde. Sie dürfen nicht „auswandern“. Wenn diese „Speciale“ durch einen Intelligenztest gefallen sind, werden sie „Spatzenhirn“ genannt und haben nur noch wenige Rechte.
Im Mittelpunkt des Romanes steht der Kopfgeldjäger Rick Deckard. Seine Aufgabe ist es, menschliche Roboter auszuschalten. Diese werden produziert, um der Menschheit, die auf anderen Planeten lebt, im Alltag behilflich zu sein. Doch manchmal werden auch Androiden straffällig und flüchten auf die Erde. Um solche Roboter zu erkennen, unterzieht sie Deckard einem Test, bei dem das Erröten des Gesichtes, der Puls und die Reaktionen seines Gegenübers, ähnlich einem Lügendetektor, gemessen werden. Allerdings sind die Androiden der neuesten Generation mit einer „Nexus-6-Hirneinheit“ ausgestattet. Sein Testverfahren ist nur noch bedingt zuverlässig …

Der Roman „Blade Runner“ ist sehr tiefgründig, stellenweise verängstigend. Er wirft viele Fragen nach der Menschlichkeit, dem gesellschaftlichen Zusammenleben, nach Manipulationen der Menschen untereinander – geistig wie körperlich und den Möglichkeiten der Technik auf.

ISBN: 978 3 596 29770 2
Verlag: Fischer TOR
Neu übersetzt von Manfred Allié

Freitagnachmittag oder Feiertagsvorfreuden

Eine kleine Satire

Arbeitsschluss. Die Werkssirene verkündete den Beginn der Freizeit. Zwanzig Minuten später saß ich in meinem Wagen. Einkaufen sollte ich. Wo war nur diese Liste geblieben? Meine Frau hatte gestern Abend alle Vorratsschränke durchforstet auf der Suche nach fehlenden Lebensmitteln – ein Paradoxon.
Ich fand den unscheinbaren Zettel, startete das Fahrzeug und reihte mich ein in diese Blechlawine, deren Ende nicht einmal am Horizont zu sehen war. Seltsamerweise wollten alle – nur wenige Automobilisten fuhren vorbei – zu demselben Supermarkt, den auch ich ansteuerte. Der Begriff Supermarkt klingt irgendwie zu wenig für das Angebot jenes allumfassenden, Waren aus aller Welt anpreisenden Tempels des Einkaufsrausches.
Es dauerte eine Ewigkeit, bis ich einen Parkplatz in weiter Ferne fand. Nun stand das nächste Problem an: Die Garagen jener vierrädrigen Drahtkorb-Schiebvorrichtungen, die benötigt werden, um den frisch erworbenen Alltagskrempel in dem fahrbaren Untersatz zu verstauen, waren leer. Das habe ich noch nie erlebt. Da fiel es mir ein: Am Samstag und der folgende Montag sind Feiertage, die Geschäfte geschlossen. Die Menschheit muss drei Tage überleben!
Ich hatte Glück. Zufällig tauchte ein Bekannter neben mir auf, sein Einkaufsgefährt beladen mit drei Kästen Bier. „Du hast wohl eine Feier auszurichten?“ – „Nein. Das Bier ist im Angebot. Es gibt tatsächlich Leute, die nur eine oder zwei Flaschen davon kaufen. Kannst du dir das vorstellen?“
Ich übernahm seinen Einkaufswagen. Auf ins Getümmel!
Hinter der Drehtür, die stockte, da jemand in die Tür drängte, obwohl diese eigentlich schon so gut wie zugefahren war, empfing mich ein Stimmengewirr in der Lautstärke startender Flugzeuge.
Jeder schien es eilig zu haben. Es wurde gedrängelt, geschoben, Einkaufswagen fuhren ineinander, Angestellte zeichnete der Stress.
Trotz aller Hektik entdeckte ich einen älteren Herrn, der es sich nicht nehmen ließ, vor einem Zeitungsregal stehend, ein Tageblatt von vorn bis hinten durchzulesen um es danach sorgsam zusammenzufalten und ins entsprechende Fach zurückzulegen.
Plötzlich schrie mich ein kleiner Mann an, forderte mich auf, doch einmal diesen guten Wein aus Frankreich zu probieren. Diese Flasche sei am besten in Verbindung mit einem guten Käse zu genießen. Als ich mich von dem Schreck erholte, registrierte ich, der Mann war gar nicht so klein, er betrieb Werbung, gesendet über einen Bildschirm, den man im Regal platziert hatte.
Vor dem Wurst und Fleischstand drängte sich ein Knäuel aus Einkaufskörben und Menschen. Der Anblick erinnerte mich an diese Rätselbilder, bei denen man einen Weg durch das Labyrinth finden musste.
Irgendjemand verlangte fünfzig Gramm Leberwurst. Eine der Verkäuferinnen hinter der Theke fragte: „ … im Stück oder geschnitten?“ Hoffentlich sprach sie mit einem anderen Kunden, grinste ich vor mich hin, das Bild eines Schnippselchens dieser Streichwurst und eines Messers vor Augen. Da sollte man Wachspapier dazwischen legen, damit die Wurst nicht wieder zusammenpappt.
Es dauerte nicht lange bis ich mich in einer nicht enden wollenden Schlange vor einer der zehn Kassen wiederfand. Verwundert betrachtete ich die turmhoch beladenen Einkaufswagen um mich herum. Ihre Lenker gaben schwindelerregende Summen aus. Ich sah in meinen Wagen: Verschwindend wenig befand sich darin. Es ging nur darum, unsere Vorräte aufzufüllen.
Die Kassiererin schob meine Waren über den Scanner. Sie war müde, blass. Die Schikanen dieser Schicht standen ihr ins Gesicht geschrieben. Plötzlich sah sie auf: „Ist das alles?“ – „Ja. Oder steht eine Lebensmittelknappheit bevor, die Menschen zu Hamsterkäufen veranlasst?“ Sie lachte schallend. Ich zahlte und quälte mich durch den endlosen Strom blecherner Karossen nach Hause.

„Das Ende der Menschheit“ – Stephen Baxter

Klappentext: Vor vierzehn Jahren haben die Marsianer die Erde angegriffen. Vor vierzehn Jahren wurden sie geschlagen. Vernichtend, wie man glaubt. Seither herrschen Frieden und Wohlstand. Allein der Schriftsteller Walter Jenkins befürchtet eine erneute Invasion – und er soll recht behalten. Die Marsianer kehren zurück. Und sie wollen nur eines: Rache.

Meine Meinung: Ich bin immer skeptisch, wenn es darum geht, Klassiker neu aufleben zu lassen, oder Fortsetzungen zu präsentieren. Meine Neugier sollte mich in diesem Fall nicht enttäuschen.
Das Buch baut auf H.G.Wells „Krieg der Welten“ auf. Man sollte Wells Vision gelesen haben, bevor Baxters Buch überhaupt in Frage kommt.
„Das Ende der Menschheit“ setzt vierzehn Jahre nach dem vernichtenden Schlag gegen die Marsianer ein. Wir befinden uns im Jahr 1920. Natürlich ist das Leben seit dem ersten Marskrieg anders verlaufen, als wir es aus der Geschichte kennen. Und doch gibt es immer wieder Hinweise auf den ersten Weltkrieg und andere politische Ereignisse in jener Zeit. Die Welt, die Baxter in seinem Roman beschreibt, ist also nicht so fremd. Sie ist nur folgerichtig angepasst nach einem Krieg gegen eine außerirdische Zivilisation, die ursprünglich auf die Erde kam, um Rohstoffe für ihre Bedürfnisse zu beschaffen. Diese Konfliktsituation kommt uns auch heute noch bekannt vor: Denken wir nur an Erdöl.
In „Das Ende der Menschheit“ treffen wir auf viele Figuren aus Wells Roman. Außerdem begegnet der Leser einigen historischen Personen, näheres möchte ich hier nicht verraten.
Faszinierend finde ich den Stil, in dem Baxter seine Geschichte erzählt. Es ist, als würde man Wells lesen. Etwa so, als würde Wells sagen: „Mir ist da noch etwas eingefallen …“ Trotzdem ist der typische Baxter-Stil vorhanden. – Eine gelungene Verschmelzung.

Fazit: „Das Ende der Menschheit“ ist ein absolutes Muss für alle Fans von H.G.Wells. Voraussetzung für das Lesen und das Verständnis dieses Romanes ist allerdings das Kennen von H.G.Wells „Krieg der Welten“ (Roman – keine Filmadaption)

ISBN: 978 3 453 31845 8
Verlag: Heyne
Aus dem Englischen von Peter Robert

„Karpathia“ – Mathias Menegoz

Klappentext: Graf Alexander Korvanyi und seine Frau Cara kehren Wien 1833 den Rücken und wagen einen abenteuerlichen Neuanfang in Transsilvanien. Die gewaltige, seit Jahrzehnten vernachlässigte Burg und das Lehngut der Familie sind Teil einer rauhen Welt, die ungeahnte Gefahren birgt. Binnen kürzester Zeit bringt der Herrschaftsanspruch des ehrgeizigen Grafen das fragile Gleichgewicht zwischen den Völkern ins Wanken bis die Katastrophe unaufhaltsam scheint …

Mein Eindruck: In diesem Roman geht es nicht um jene voreingenommene Gedanken, die uns befallen, sobald wir von Transsilvanien sprechen.
Hier geht es um einen reinen historischen Roman, vollgepackt mit allem Wissen aus jener Zeit. Stellenweise glaubt man, ein Lehrbuch zu lesen.
Sicherlich ist es spannend zu erfahren, welcher Fluch auf den Besitztümern des Grafen seit dem Walachenaufstand 1784 lastet.
Interessanter fand ich die Konflikte zwischen dem ungarischen Adel und den rumänischen Leibeigenen. Es herrscht ein undurchschaubares Geflecht aus alten Feindschaften, verschiedenen Religionen und Aberglauben. Auf dem Lehnsgut leben Magyachen, Walachen und Sachsen. In bestimmten Jahreszeiten kommen noch Zigeuner hinzu …
Betrachtet man die Völkerwanderungen der Neuzeit, so bekommt der Roman einen ungeahnten modernen Anstrich.

ISBN: 978 3 627 00238 1
Verlag: Frankfurter Verlagsanstalt
Aus dem Französischen von Sina de Malafosse